Aktenzeichen 2019
May 16th, 2008Stresswoche. Am Dienstag werde ich auf dem Weg zur Uni von einem Auto angefahren. Das Auto kam aus einer Hauseinfahrt und war wegen Hecken erst im letzten Moment zu sehen. Die Fahrerin des Wagens ihrerseits versäumt es offensichtlich einen Blick auf den Fahrradweg zu werfe, den sie im Begriff war zu kreuzen. Ich bremse zwar noch, aber es reicht nicht und einen Augenblick später fliege ich über die Motorhaube und glücklicherweise ins Gras und kann mich abrollen. Fahrrad Totalschaden, Schürfwunden bei mir. Verdattert zähle ich alle Gliedmaßen durch und stelle befriedigt fest, dass auch alle wichtigen Organe unverletzt zu sein scheinen. Die Fahrerin und Beifahrerin steigen aus, entschuldigen sich tausendmal, wir tauschen Adressen aus. Ich notiere mir die License plate. Wir machen aus am nächsten Tag zu telefonieren wegen der compensation.
[Ergänzung von Uli:] Willst Du die gute oder die schlechte Nachricht zuerst, fragt der Liebste am Telefon. Ich will die schlechte. „Du wirst mit dem Bus in die Uni kommen müssen“ sagt er. Ist das Fahrrad geklaut? Nein, das ist noch da. Aber nicht mehr fahrbereit. Die gute Nachricht ist, dass Ulrich sich beim Überfahrenwerden nichts größeres getan hat. Ich fahre mit dem Bus in die Uni (eine echte Odyssee!) und nach dem Abendprogramm becirce ich einen Taxifahrer, das arme kleine verbeulte Fahrrad und uns nach Hause zu fahren – gleich nochmal 11 Pfund, zusätzlich zu meiner Busfahrkarte.
Mittwoch. Ich rufe wie abgemacht an und teile mit, dass das Rad vermutlich Totalschaden hat. Ein neues würde 150 Pfund kosten. Ich schlage vor, dass sie mir das Geld schickt und die Sache damit gegessen ist. Darauf sagt sie, das Rad sei soviel nicht wert gewesen und sie sei nur bereit 70 Pfund zu zahlen. Ich bin zugegebener Maßen etwas perplex. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte ich würde hier ein Zugeständnis machen, dass ich den m.E. von ihr verschuldeten Unfall nicht zur Anzeige bringe. Aber gut. Ich sage zu, den Schaden am Rad in einem CycleShop schätzen zu lassen. Dennoch, um die 24h Meldepflicht symbolisch einzuhalten, gehe ich noch am Abend zur Polizei und kriege ein Aktenzeichen. Für alle Fälle, und dann haben die das auch für ihrer Statistik. Einen genaueren Bericht kann ich allerdings nicht abgeben, denn kein Officer ist dafür verfügbar. Ich soll morgen wiederkommen.
Donnerstag Morgen.
[Uli:] Der neue Tag bringt einen steifen Nacken mit sich, sagt Ulrich, anscheinend kommt jetzt das Schleudertrauma durch.
Die Polizei ruft morgens an. Wegen des Berichts, sie könnten mir das Formular auch zusenden. Prima. Die Polizei ruft nochmal an. Ich müsste doch vorbeikommen. Ja, in einer halben Stunde passt. Ich gehe hin und darf warten. Nach 20 Minuten kriege ich ein Formular zum ausfüllen. Es sei grad kein Officer verfügbar. Alles klar. Ich fülle aus und gehe.
[Uli:]Donnerstag Mittag. Als ich mich gerade entschlossen habe, zum Radladen zu gehen um dort die Beerdigungsformalitäten für Roderick, ja, mein Rad hat einen Namen, einzuleiten, zieht ein Regenschauer herauf. Das Tröpfeln hat nicht aufgehört als ich mit dem fußlahmsten aller Räder die 20 Minuten Fußmarsch antrete. Ich muss das Rad nur an der linken Seite des Lenkers festhalten, so verbeult ist es. Allerdings eiert es dann schrecklich vor sich hin, so dass ich es in einer Haltung die eine Mischung aus besorgter Mutter und dem Glöckner von Notredame ist den Berg hinunter bugsiere. Ein verbeultes Rad ist ebenso wie ein Kinderwagen ein gutes Mittel, angesprochen zu werden, merke ich. Endlich habe ich es zum Radladen geschafft. Ich habe Roderick kaum über die Schwelle gehievt da trifft mich der mitleidige Blick eines der Radladenbesitzer. Er kommt auf mich zu und ich kann „mein Beileid“ förmlich auf seiner Stirn lesen, Sekunden später habe ich die Gewissheit, dass das dauernswerte Ding in meinen Armen nie wieder mein Leben auf dem Fletchhampstead-Highway riskieren wird. Ich beantrage einen Insurance Quote und tapse bedröppelt aus dem Laden. Es tropft noch immer, und ich werde ein bisschen sentimental.
Donnerstag nachmittag. Uli war derweil im Radladen, der den Totalschaden bestätigt. Gleichwertiges Rad 150-180 Pfund. Prima. Ich rufe die Fahrerin an. Erst erreiche ich sie nicht, spreche ihr auf Band und schicke noch eine SMS, dass sie mich bitte zurückrufen möge. Sie ruft dann auch zurück. Die Schuldfrage kommt auf und sie sagt, sie sei höchstens zu fünfzig Prozent schuld und sie habe Zeugen dafür (so grob). Daher auch nur 70 Pfund. Eigentlich sei es nicht ihre Schuld. Ich sei zu schnell gefahren. Ich schlage nochmals vor, wenn wir uns nicht einigen können, möge sie mir doch ihre Versicherungsdaten geben und dann würden wir das über einen Rechtsanwalt machen. Ich sage ihr auch, daß ich den Unfall bei der Polizei gemeldet habe. Sie sagt ich solle ihr das Gutachten der Radladens schicken. Wir einigen uns darauf, daß wir am Montag nochmal telefonieren, wenn sie das Gutachten hat.
Zu dem Zeitpunkt bin ich ziemlich angepisst und recherchiere auf Rechtsanwaltsseiten. Uli ruft einen an, der großes Interesse an dem Fall meldet. No win no fee. So wie es sich anhört bin ich tatsächlich im Recht. Ich bin versucht, die Sache einfach gleich an den Rechtsanwalt zu geben, weil ich doch sauer bin, will mich aber auch an die Abmachung halten, bis Montag zu warten. Meine Seelenqualen enden, als der Vater der Fahrerin anruft. Ich solle sie nicht mehr anrufen, die Sache sei nun in den Händen der Polizei. Na dann. Zwei Stunden später ein Anruf der Polizei. Der Officer ordnet mir an, ich möge es unterlassen, die Fahrerin weiter anzurufen. Ich sage ihm, nichts lieber als das! Damit beenden wir das Gespräch und ich bleibe ziemlich verdutzt zurück. Was ist denn jetzt passiert? Ich komme zu dem Schluss, daß mindestens einer der Beteiligten eine ziemlich verzerrte Wahrnehmung hat. Der Polizist, die Fahrerin, ihr Vater oder ich. Ich denke noch ein bisschen nach und bin mir ziemlich sicher, daß ich es nicht bin. Naja, morgen werde ich mal mit dem Rechtsanwalt telefonieren.


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