Aktenzeichen 2019

May 16th, 2008

Stresswoche. Am Dienstag werde ich auf dem Weg zur Uni von einem Auto angefahren. Das Auto kam aus einer Hauseinfahrt und war wegen Hecken erst im letzten Moment zu sehen. Die Fahrerin des Wagens ihrerseits versäumt es offensichtlich einen Blick auf den Fahrradweg zu werfe, den sie im Begriff war zu kreuzen. Ich bremse zwar noch, aber es reicht nicht und einen Augenblick später fliege ich über die Motorhaube und glücklicherweise ins Gras und kann mich abrollen. Fahrrad Totalschaden, Schürfwunden bei mir. Verdattert zähle ich alle Gliedmaßen durch und stelle befriedigt fest, dass auch alle wichtigen Organe unverletzt zu sein scheinen. Die Fahrerin und Beifahrerin steigen aus, entschuldigen sich tausendmal, wir tauschen Adressen aus. Ich notiere mir die License plate. Wir machen aus am nächsten Tag zu telefonieren wegen der compensation.

[Ergänzung von Uli:] Willst Du die gute oder die schlechte Nachricht zuerst, fragt der Liebste am Telefon. Ich will die schlechte. „Du wirst mit dem Bus in die Uni kommen müssen“ sagt er. Ist das Fahrrad geklaut? Nein, das ist noch da. Aber nicht mehr fahrbereit. Die gute Nachricht ist, dass Ulrich sich beim Überfahrenwerden nichts größeres getan hat. Ich fahre mit dem Bus in die Uni (eine echte Odyssee!) und nach dem Abendprogramm becirce ich einen Taxifahrer, das arme kleine verbeulte Fahrrad und uns nach Hause zu fahren – gleich nochmal 11 Pfund, zusätzlich zu meiner Busfahrkarte.

Mittwoch. Ich rufe wie abgemacht an und teile mit, dass das Rad vermutlich Totalschaden hat. Ein neues würde 150 Pfund kosten. Ich schlage vor, dass sie mir das Geld schickt und die Sache damit gegessen ist. Darauf sagt sie, das Rad sei soviel nicht wert gewesen und sie sei nur bereit 70 Pfund zu zahlen. Ich bin zugegebener Maßen etwas perplex. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte ich würde hier ein Zugeständnis machen, dass ich den m.E. von ihr verschuldeten Unfall nicht zur Anzeige bringe. Aber gut. Ich sage zu, den Schaden am Rad in einem CycleShop schätzen zu lassen. Dennoch, um die 24h Meldepflicht symbolisch einzuhalten, gehe ich noch am Abend zur Polizei und kriege ein Aktenzeichen. Für alle Fälle, und dann haben die das auch für ihrer Statistik. Einen genaueren Bericht kann ich allerdings nicht abgeben, denn kein Officer ist dafür verfügbar. Ich soll morgen wiederkommen.

Donnerstag Morgen.

[Uli:] Der neue Tag bringt einen steifen Nacken mit sich, sagt Ulrich, anscheinend kommt jetzt das Schleudertrauma durch.

Die Polizei ruft morgens an. Wegen des Berichts, sie könnten mir das Formular auch zusenden. Prima. Die Polizei ruft nochmal an. Ich müsste doch vorbeikommen. Ja, in einer halben Stunde passt. Ich gehe hin und darf warten. Nach 20 Minuten kriege ich ein Formular zum ausfüllen. Es sei grad kein Officer verfügbar. Alles klar. Ich fülle aus und gehe.

[Uli:]Donnerstag Mittag. Als ich mich gerade entschlossen habe, zum Radladen zu gehen um dort die Beerdigungsformalitäten für Roderick, ja, mein Rad hat einen Namen, einzuleiten, zieht ein Regenschauer herauf. Das Tröpfeln hat nicht aufgehört als ich mit dem fußlahmsten aller Räder die 20 Minuten Fußmarsch antrete. Ich muss das Rad nur an der linken Seite des Lenkers festhalten, so verbeult ist es. Allerdings eiert es dann schrecklich vor sich hin, so dass ich es in einer Haltung die eine Mischung aus besorgter Mutter und dem Glöckner von Notredame ist den Berg hinunter bugsiere. Ein verbeultes Rad ist ebenso wie ein Kinderwagen ein gutes Mittel, angesprochen zu werden, merke ich. Endlich habe ich es zum Radladen geschafft. Ich habe Roderick kaum über die Schwelle gehievt da trifft mich der mitleidige Blick eines der Radladenbesitzer. Er kommt auf mich zu und ich kann „mein Beileid“ förmlich auf seiner Stirn lesen, Sekunden später habe ich die Gewissheit, dass das dauernswerte Ding in meinen Armen nie wieder mein Leben auf dem Fletchhampstead-Highway riskieren wird. Ich beantrage einen Insurance Quote und tapse bedröppelt aus dem Laden. Es tropft noch immer, und ich werde ein bisschen sentimental.

Donnerstag nachmittag. Uli war derweil im Radladen, der den Totalschaden bestätigt. Gleichwertiges Rad 150-180 Pfund. Prima. Ich rufe die Fahrerin an. Erst erreiche ich sie nicht, spreche ihr auf Band und schicke noch eine SMS, dass sie mich bitte zurückrufen möge. Sie ruft dann auch zurück. Die Schuldfrage kommt auf und sie sagt, sie sei höchstens zu fünfzig Prozent schuld und sie habe Zeugen dafür (so grob). Daher auch nur 70 Pfund. Eigentlich sei es nicht ihre Schuld. Ich sei zu schnell gefahren. Ich schlage nochmals vor, wenn wir uns nicht einigen können, möge sie mir doch ihre Versicherungsdaten geben und dann würden wir das über einen Rechtsanwalt machen. Ich sage ihr auch, daß ich den Unfall bei der Polizei gemeldet habe. Sie sagt ich solle ihr das Gutachten der Radladens schicken. Wir einigen uns darauf, daß wir am Montag nochmal telefonieren, wenn sie das Gutachten hat.

Zu dem Zeitpunkt bin ich ziemlich angepisst und recherchiere auf Rechtsanwaltsseiten. Uli ruft einen an, der großes Interesse an dem Fall meldet. No win no fee. So wie es sich anhört bin ich tatsächlich im Recht. Ich bin versucht, die Sache einfach gleich an den Rechtsanwalt zu geben, weil ich doch sauer bin, will mich aber auch an die Abmachung halten, bis Montag zu warten. Meine Seelenqualen enden, als der Vater der Fahrerin anruft. Ich solle sie nicht mehr anrufen, die Sache sei nun in den Händen der Polizei. Na dann. Zwei Stunden später ein Anruf der Polizei. Der Officer ordnet mir an, ich möge es unterlassen, die Fahrerin weiter anzurufen. Ich sage ihm, nichts lieber als das! Damit beenden wir das Gespräch und ich bleibe ziemlich verdutzt zurück. Was ist denn jetzt passiert? Ich komme zu dem Schluss, daß mindestens einer der Beteiligten eine ziemlich verzerrte Wahrnehmung hat. Der Polizist, die Fahrerin, ihr Vater oder ich. Ich denke noch ein bisschen nach und bin mir ziemlich sicher, daß ich es nicht bin. Naja, morgen werde ich mal mit dem Rechtsanwalt telefonieren.

Don Giovanni

May 15th, 2008

Don Giovanni

Für fünf Pfund in die Oper, und dann noch gleich Mozart ( English Touring Opera und Don Wiki ). Ich war auch gut vorbereitet dank des ausgezeichneten psychologischen Opernführers von Herrn Oberhoff. Da steht auch das meiste drin, daher fasse ich mich ganz kurz.

Synopsis: Don Giovanni begeht einen Totschlag, stellt vielen (grob drei) Frauen nach, verärgert deren Männer, und treibt anderen Unfug. Zum Schluss lädt er die Statue auf dem Grab seines Totschlagopfers zum Essen ein. Die kommt tatsächlich, während er gerade hemmungslos schlemmt, und stürzt den trotzigen Protagonisten in die Hölle.

Also weniger galanter Frauenschwarm, mehr gewissenloser, bindungsunwilliger Unhold, dem hin und wieder mal ein Bravourstück gelingt, dabei aber stets unglücklich ist. Details wie angegeben nachzulesen. Überrascht hat mich, das mich die Oper tatsächlich nicht nur unterhalten, sondern auch, wie sagt man, angerührt(?) hat. Für mich immer ein Indikator, daß hier Wahrheiten aufgeführt werden.

Zum anderen die Rache. Obwohl Don Giovanni mehrmals fast unter Feuer der betrogenen Verlobten kommt, bleibt das Gericht letzendlich Gott überlassen. Wenn ich die Oper in diesem Sinne als Ausdrück der zeitgenössischen Moralverfassung nehme, bedeutet das, daß die Rache noch allein Gottes ist. Die Uraufführung war 1787. In Frankreich rächte man sich schon selbst, im deutschsprachigen Raum offenbar noch nicht. Der (meines wissens erste) große literarische Racheknaller, der das Racherecht vom Himmel herab auf die Erde holt, erscheint sechzig Jahre später als Fortsetzungsroman 1844-1845: Der Graf von Monte Christo. Allerdings auch wieder in Frankreich.

Die D-Akten: Warum denn nur?

May 5th, 2008

In der Forumsdiskussion habe ich auch nochmal die Frage nach den Gründen für die Dili-Code (more guidelines than actual rules) gefragt. Da hatte ich wohl vergessen, daß ich darüber schon einmal nachgedacht hatte (Enthemmungen, Todesstösse). Um so besser, so bleibts im Kopfe. Und der Code war 24h, PvP und NSC armes Spiel. Man kann noch hinzufügen: nur darstellbare Magie, minimaler Orgaeinsatz, Dinge sind, was sie sind und so fort.

Trotz der Verworfenheit des Vereins gibt es diesen Konsens offenbar schon.

Und warum will man diese Regeln?
Man will das intensive Spielerlebnis, das Eintauchen des Charakters im Spiel. Spannung durch die Todesgefahr. Der Charakter soll alle Handlungsfreiheit haben, seinen Charakter auszuspielen, auch gegen andere. Und umgekehrt es mit unberechenbaren Mitspielern zu tun zu haben.
Insgesamt will man dadurch eine ungekünstelte, ungezwungene Spielwelt schaffen, in der alles, was passiert, auch aus ihr geboren wird. Die Spieler wie das Spielgeschehen sollen autonom sein.

Im Kern geht es also um Freiheiten. Freiheit in der Wahl des Charakters und in seinen Handlungen. Wenn ich ein Dilligramm malen müsste, würde ich diesen Gedanken wohl ins Zentrum stellen.

Die Charakterwahl ist frei, weil sie sich nur sekundär nach Orgavorgaben oder Verträglichkeit mit den Rollen anderer richtet. Den Vorrang hat die Frage, ob der Charakter den Spieler passt. Schön ist natürlich, wenn sich erstes mit dem letzteren verbinden lässt, aber nicht notwendig.

Die Spieler haben Handlungsfreiheit, weil sie das von den Organisatoren vorgeschlagene Setting misachten dürfen. Das Spiel beginnt, die Spieler handeln. Die Vorgeschichte und Plot mögen mithineinspielen, aber die Spielerhandlung hat Vorrang.

Der dieser Freiheiten ist, dass der Plot dabei gerne mal auf der Strecke bleibt. Vom Ambiente oder solidarischem Spiel ganz zu schweigen. Es weht ein zuweilen ungemütlich rauher Wind in einer solchen Welt.

Gewissen Freiheiten, die der Charakter hat, werden aber dem Spieler genommen. Er darf nicht mehr aus der Welt heraustreten. Das Spiel braucht vierundzwanzig Stunden, um die Wirklichkeit zu zeitigen, und allerorten, um sich zu vollziehen. Das Spieler dabei mal aus ihrer Rolle fallen, schützt sie nicht vor der Realität der Spielwelt, in die sie nolens volens jederzeit wieder zurück gerissen werden können. Eingriffe von außen werden minimiert (daher der minimale NSC Einsatz).

Die Mischung von verschiedenen Spielkulturen auf einer Veranstaltung führt zu Konflikten und Misverständnissen, die so zahlreich wie frustrierend für alle Beteiligten sind. Dem Ambientespieler scheint des D.-Spiel verlottert, trashig. Er ärgert sich beispielsweise darüber, daß dem gesetzten König keine Achtung gezollt wird. Der solidarischen Spieler erhofft sich ein spielerisches Miteinander, in dem Spieler sich gegenseitig helfen, ihre Rollenkonzepte zu verwirklichen. Mit dieser Einstellung wirken sie auf Dillispielen hoffnungslos naiv und finden sich in kürzester Zeit verraten und verkauft. Freunde epischer Geschichten und großer Plots spielen in längeren Epochen. Im Vergleich zu den schnelllebigen Dilettanten wirken sie träge und werden nicht selten als Gewandungsgriller bezeichnet. Freunde der perfekten Illusion stören sich am Flaschenbier, der Rohrpompfe und der freimütigen Vermischung und Verballhornung fantastischer und historischer Vorlagen. Kurz, um solcherlei Frustrationen zu vermeiden hilft es, die eigenen Vorstellungen klar formulieren zu können. In diesem Sinne mag dann jeder nach seiner Facon selig werden.

Die D-Akten

May 4th, 2008

Gerade läuft eine Diskussion im Dilettantenforum, die mich zu weiteren Ergüssen inspiriert. Und da ich dem Forum diese nicht zumuten will, muss der Blog herhalten.

Kurz, wie schon früher geäußert bin ich der Meinung, daß die Larpszene mittlerweile soweit etabliert und aufgefächert ist, daß es sich lohnt, sich mit ihrer ernsthafter auseinanderzusetzen. Also für die Dilettanten.

Das ganz steht vor dem Hintergrund, daß die Dilettanten nach anfänglichen Kollaborationsprojekten mit der übrigen Szene sich auf sich zurückgezogen haben. Aus gutem Grund, wie ich denke. Denn die Welten waren zu verschieden und die Beteiligten sich über ihre Vorstellungen nicht ganz im Klaren.

Die Sache hat sich allmählich geändert. Austausch gibt es offenbar z.B. mit Phönix, Larghos und anderen. Ich denke aber, das ist ausbaufähig, vor allem vor dem Hintergrund der größeren Kommunikationsprojekte wie z.B. Mittelpunkt, Knudepunkt.

Ein Hauptargument, sich mit dem Auftritt in Larpszene und Öffentlichkeit zurückzuhalten ist die Feststellung, daß es keine feste dilettantische Spielphilosophie gibt, daß der Verein zu vielschichtig, zu anarchistisch und zu dynamisch ist, um öffentlichkeitstauglich zu sein. Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, daß eine strukturierte Darstellung von dilettantischen Manifest der Kreativität bei der Organisation von Spielen im Wege stehen kann, wenn man sich vor publizierten Statuten rechtfertigen muss.

Dass muß aber überhaupt nicht so sein. Christian hat jetzt gerade in Wiederaufnahme einer regelmäßigen Vereinspost, wenn nicht gar einer Zeitung vorgeschlagen. Das ist denke ich genau das richtige. Damit hätte man dann erstmal einen geordneten internen Austausch, der aber zugleich nach außen wirken kann. Und vor allem auch haltbarer als Forumsdiskussion. Denn ich sehe, hat sich der link in meinem früheren Beitrag schon verflüchtigt…

Juggerblog

May 1st, 2008

Den gibts jetzt auch schon. Super.

http://www.juggerblog.net

Larpkongress

April 24th, 2008

Man sagt ja immer, dass die Skandinavier in der gesellschaftlichen Integration von Rollenspiel, sei es Blatt oder Larp, in Europa am weitesten gediehen sind. Aber auf die Idee zu kommen, mich da mal umzugooglen kam ich irgendwie nicht. Jetzt hat mich glücklicherweise Daniel von den Waldrittern darauf hingewiesen. Und ich darf sagen ich bin sehr beeindruckt davon. Man schaue selbst

http://www.solmukohta.org/ und http://www.knudepunkt.org/

Und hier zu Lande tut sich auch was: www.larp-mittelpunkt.de.

Ich bin doch ein echter Hinterwäldler.

Cranach Ausstellung

April 17th, 2008

Cranach Jesus

Diesen Samstag besuchte ich die Cranach Ausstellung in der Royal Gallery in London. Ich hatte zunächst wenig Vorstellung, um wen es sich dabei handelte, Daniel hatte es vorgeschlagen. Alternativ hätte sich auch die aktuelle Tutankhamun-Austellung in der O2 Arena angeboten, aber die muss jetzt auf ein anderes Mal warten.

Kurz, sehr schöne Austellung. Noch dazu war die Schlange viel kürzer als die der Ausstellung ‘from Russia’ nebenan.

Cranach also, ein Zeitgenosse Albrecht Dürers und mitunter Propagandamaler für Martin Luther. Hat mich inspiriert, mich beizeiten mit der Epoche an sich zu beschäftigen. Da muß sich so manch spannendes zugetragen haben. Wie Dürer zeichnete ihn wohl aus, daß er eifrig Gesichter gemalt hatte, wo es früher nur Masken gegeben hatte. Ich denke hier bei Dürer an sein Jesusartiges Selbstportrait, oder eben bei Cranach hat mir sein Jesus – Maria (Magdalena) Bild gut gefallen. Überhaupt sehr geistreiche Bilder.

Aber für ebensolche Kommentare meinerseits ist’s wie man vielleicht merkt schon ein bischen spät. Also daher hier mal Herr Luther

Luther
und toll die Grazien

Grazien.

Und von wegen Zeitgenosse und wohl auch vom gleichen Zeitgeist beseelt, von Herrn Dürer er selbst. Weil ich es so toll finde.

Dürer

In Sachsen

March 25th, 2008

Völkerschlachtdenkmal

Die Buchmesse in Leipzig. Dort war ich. Und das ist in Sachsen. Und dort erfuhr ich, steht ein Völkerschlachtdenkmal. Ok, dachte ich, schauen wirs uns mal an. Auweia, was für ein Riesenklops. Ich hatte nicht erwartet, einen altgermanischen Tempel vorzufinden, der in seinen Ausmassen den babylonischen Zikkurat-Pyramiden-Raumhäfen Konkurrenz macht. Hier hätte man den Herrn der Ringe auch drehen können. Minas Urgol oder so. Und das Teil ist auch noch innen hohl. Und dort stehen heidnische Steinriesen Wache über die Seelen der germanischen Krieger - oder so hab ichs verstanden. Nagut, es hat ja auch der Kaiser Wilhelm gebaut. Aber seit eben der Völkerschlacht haben Romantiker und träumende Deutschnationale an einer Vision gebastelt.

Aber noch zu den Sachsen. Haffner sagte sie seien unter anderem dadurch charakterisiert, dass sie ein sehr feines Gespür für den Zeitgeist haben, und sich den sich verändernden Umständen schnell, ja vielleicht zu schnell, und mit Herz und Seele anpassen und verschreiben. Sie waren große Fans von Naopoleon, und haben bei der Völkerschlacht als einzige Deutsche auf seiner Seite gekämpft. Nachdem es sich ausnapoleont hatte, waren sie wieder ganz vorne dabei beim Deutschen Reich, die linkesten in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus in der ersten Reihe. Tja, und nun im Kapitalismus, welche deutsche Landesbank führt die Lemminge im “global credit crunch”-Rennen an? Die Sachsen LB. Also wenn sie was machen, machen sie es offenbar gleich richtig.

Vanity Fair

March 25th, 2008

Vanity Fair

Vanity Fair war in meiner Welt bisher nur eine weitere unter den anstrengend bis unmöglichen Mode- und Celebritymagazinen. Wie mir nun kürzlich eine Ausstellung in London [ National Portrait Gallery ] eröffnete, waren die Ansprüche zumindest früher etwas höher gesteckt. Mehr die Portraitierung von herausragenden Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, als nur verglühende Filmsternchen. Und die Fotos sind weit weg von Papparazzischüssen und vielmehr Kunstwerke. Kurzum, prima Ausstellung, vor allem die Fotos der ersten Wirkungsperiode von 1913-1936.

Ghana - 17. Dies und das

March 10th, 2008

Um die Ghanareihe abzuschliessen, hier noch ein paar gesammelte Fragmente.

Wirtschaft

Was mir auffiel war das Fehlen nennenswerter Industrie oder die Produktion von irgendetwas. Den Eindruck verstärken die immer wiederkehrenden großen Werbeschilder der immer gleichen Produkte (Starbier, Kernseife, Maggibrühwürfel und Latexschaummatratzen). Neben den Goldgräbern, Farmern, einem Heer von Straßenverkäufern, die dann doch eine recht übersichtliche Produktpalette anzubieten haben, scheinen die Übrigen damit beschäftigt zu sein, sich gegenseitig in überfüllten Taxen und TroTros durch die Gegend oder ins Jenseits zu befördern.
Das CIA World Fact Book sagt dazu

Labor force by occupation:
agriculture: 60%
industry: 15%
services: 25% (1999 est.)

Zu den Services gehören sicher auch das leidenschaftliche Predigen, gerne auch nachts mit Mikrophon und Lautsprecherwänden vor vier Mann Publikum. Ein Nachbar, ein ghanaischer Expatriat und sonst wohnhaft in London, war darüber so erbost, dass er einem Prediger den Strom abstellte. Ein anderer Nachbar (Schweizer aus einer ghanaischen Familie) musste für eine ähnliche Aktion neben Drohungen gegen sich und seine Frau einige Blessuren sowie ein zerrissenes Hemd hinnehmen. Oh, ich glaube ich bin gerade von der Wirtschaft etwas abgekommen, mehr hatte ich auch gar nicht zu sagen.

Folklore

Mit dem Sinn für Zeit geht den Leuten in Ghana auch der Sinn für Geschichte ab, so scheint es zumindest. Der Zustand der Museen und einiger Sklavenburgen (die in Accra, Cape Coast und Elmina sind dagegen gut in Schuss) lassen auf ein vorherrschendes Desinteresse schließen. Das ‚National Museum’ präsentierte sich als eher lustloses Arrangement von Gegenständen unter denen eine libysche Büste von Marc Aurel besonders verwunderte. Sklavenhandel wird in dem Museum gerade so abgedeckt, aber weit weniger als man es für die ‚Slave Coast’ erwarten könnte (das Museum in Cape Coast Castle dagegen entpuppte sich als um viele Klassen besser). Über die alten Ashanti und Fante Königreiche konnte ich nichts Zusammenhängendes zu ergründen, noch weniger über das noch ältere ‚ancient Ghana’, das für den Namen des jetzigen Staates herhalten musste. Auch der einheimische Jujuglaube wurde nicht erläutert (ich erinnere mich da an ganz andere Ausstellungen über die Mythenwelten der Native Americans in den USA). Ich würde mich nicht wundern, wenn eine zunehmende mentale Verwestlichung den Ghanaern mit einem Sinn für Zeit auch einen für Geschichte bescherte. Ironischerweise würde dann zu jenem Zeitpunkt das meiste der Kultur schon verschwunden sein. Jetzt aber zur Erziehung.

Zur Erziehung

In Ghana wird schnell klar: die rohrstockbasierte Kindererziehung ist selbstverständlich und weit verbreitet (Es gibt einige Diplomatenschulen, an denen nicht geschlagen wird.). Hinzu kommt, wenn man Lloyd deMause glauben darf, dass die Bereitschaft zur Kinderprostitution auf einen weit verbreiteten Kindesmissbrauch schließen lässt. Vor dem diesem Hintergrund stehen die beobachteten Mängel an Verantwortungsbewusstsein und Eigenständigkeit, das von Dämonen und Geistern bevölkerte Juju-Weltbild (Unserem Host John wurde ein Jujufluch angehext von dem damaligen Freund seiner Nichte, damit dieser nach Johns Tod das Haus übernehmen könne. Verschwundenes Geld geht auch mal auf das Konto böser Magie.) und die Hörigkeit gegenüber Autoritäten (Die Zeitung berichtete über die Bewohner eines offensichtlich durch Behördenversagen mal eben mit dem Bulldozer eingerissenen Hauses, er sei auf die Trümmer gestiegen und habe fragend in den Himmel gesehen. Hier noch mal die Artikel. [ Artikel ] [ Artikel2 ] Good Governance ist relativ.)
Bei einer Diskussion über das Caning (Rohrstocking) stellte der schon erwähnte Nachbar (Expatriat, London) dessen Notwendigkeit fest, um die Kinder unter Kontrolle zu halten. (Es gibt nicht wenige Briten, die sich dem anschließen und ihre Kinder daher aus England zur Charakterbildung nach Ghana schicken [ timesonline ] ) Unser Host erzählte, dass er wochenlang der Schule fernblieb, um dem Rohrstock zu entgehen (für wiederholtes Zuspätkommen). In der Zeit schlief er in einem verlassenen Haus während seine Mutter ihm nachts einen Teller Essen rausstellte. Am Ende fingen sie ihn allerdings doch wieder ein. Als unsere Hosts ihre Kinder aus Deutschland nach Ghana holten gaben sie die Suche nach einer Schule, in der nicht geschlagen wird nach einer Weile auf. Die Kinder sagten, sie kämen damit dann schon klar.
In dem oben schon erwähnten Buch (von Kuada&Chachah) gab es auch zu lesen:

Children do not participate in conversations with their seniors unless they are directly addressed. In some areas, they do not stare their seniors in the face when they are spoken to.

In diesem Zusammenhang fällt mir noch ein – diese Filme – welch Pein! Beliebt sind nigerianische Familiendramen. Einen davon mussten wir auf einer längeren Busfahrt über uns ergehen lassen. Die Hauptprotagonisten waren ein Papa im Tigerfell, eine Mama mit Baseballschläger, eine heulende und schreiende Jugendliche, die von ersteren nach kurzem Prozess verstoßen wurde, um danach von der fröhlich tanzenden Dorfgemeinschaft blutend durch die Strassen gezerrt zu werden. Es schloss sich eine etwa 20minütige Sequenz von Szenen an, die nur aus lautem, unterträglichem und babyhaftem Geplärre der jugendlichen Protagonistin bestanden (Gesegnet sei Ohropax). Aber der Film fesselte tatsächlich die Aufmerksamkeit nicht weniger Mitfahrer. (Derselbe Bus glänzte zudem durch die Leistung, neben der Audiospur des Films auch noch Radiomusik und ein lautes Pfeifen über die Lautsprecher zu schicken. Die Kakophonie wurde ergänzt durch den Geschäftsmann, der über seinen Laptop einer Gottesdienstaufzeichnung frönte und sich dabei nicht schämte laut mitzusingen. Das sporadisch weinende Kind und der Herr, der mit seinen beiden ständig klingelnden Mobiltelefonen kämpfte, fiel dabei kaum mehr ins Gewicht.)

Wenig schmeichelhaftes auch hat J.M. Assimeng, Autor des Buches Social structure of Ghana: A study in persistence and change (1981) zu berichten. Ghanaer seien charakterisiert durch

1. Conformity and blatant eschewing of individual speculations
2. Unquestioning acquiescence
3. Lack of self-reliance, owing to the pervading influence of the extended family system
4. Fetish worship of authority and charismatic leaders
5. Hatred of criticism

Zum Ende

Was macht man nun mit diesem Ghana. Wirtschaftlich scheint es das Einfachste zu sein, den Tourismus auszubauen, was aber angesichts der Servicequalität nicht leicht sein dürfte. Zunächst werden es wohl weiterhin die Ausländer sein, die die funktionierenden Hotels betreiben. Der traditionelle way of life scheint jedenfalls mit wirtschaftlichem Aufstieg im westlichen Sinne schwer vereinbar. Zu einer zunehmenden Verwestlichung gibt es wohl keine Alternative.

Mit Blick auf die beschriebenen psychologischen Probleme ist vielleicht die gute Nachricht, dass diese Dinge, sei es in Filmen oder in Regierungskampagnen wie auch hin und wieder in Gesprächen thematisiert werden. Man hat das Gefühl es dämmert in Ghana, es wird aber wohl noch etwas länger dauern, bis die Sonne aufgeht.